Usbekistan

Tausendundeine Nacht der Kaelte in Samarkand

Mit einem wackeligen Bus ging es auf zu einem Highlight unserer Reise, so dachten wir es uns im Voraus – ins sagenumwobene Samarkand, der Stadt aus der Märchensammlung von Tausendundeiner Nacht. Die Busfahrt war angenehm und da wir uns auf die hintersten Plätze positionierten, die gleich vor dem Motor gelegen waren, wurde es wohlig warm und ich döste in der behaglichen Atmosphäre ein wenig ein. Dies sollte aber im Nachhinein gesehen, der letzte warme Ort der Samarkand-Reise sein. Im Bus, wie auch in ganz Usbekistan, waren die Menschen auffallend ruhig. Kein lautes Herumgeschreie, kein Gedränge, kein Kampf um den Sitzplatz herrschten hier. Nach den Fahrten durch die arabische Welt ein recht gesittetes Auftreten – fast zu gesittet und reserviert. Hier ist es allerdings nicht so einfach mit Menschen in Kontakt zu treten, sind verschlossener, in sich gekehrter und es scheint fast so, als ob Touristen in dieser Weltgegend nicht so interessant wären wie anderswo. Trotz dessen lernten wir eine junge Dame mit auffallend großen weißen Blumenstrauß kennen, eine der wenigen, die Englisch sprechen konnte und plauderten so mit ihr. Der überdimensionale Blumenstrauß war für eine Hochzeit in der Nähe von Samarkand gedacht zu der sie und ihre Tante, als Begleitschutz, hinzufahren gedachten. Erst als wir so mit ihr redeten, drehten sich die anderen Fahrgäste zu uns um und wir wurden wahrgenommen. Zur Hochzeit lud sie uns zwar ein, aber leider waren wir zu müde – eine zähe Müdigkeit, die seit dem Betreten der Arabischen Welt nicht mehr abzuschütteln war. Wäre wohl sehr interessant gewesen, so doch, laut ihren Erzählungen bis zu 400 Gäste erwartet wurden. Man stelle sich vor, wie viele Lämmer und Hühner da geschlachtet werden und wie viele Hektoliter Vodka den Kehlen hinunterläuft.

Der Usbeke, die Usbekin
Der Usbeke, die Usbekin
Lasset die Kinder zu mir kommen
Lasset die Kinder zu mir kommen

Im Hotel Bahodir kamen wir unter und dies sehr günstig. Mit dem, allerdings sehr großen Haken, dass unser geräumiges Zimmer keine Heizung hatte und Samarkand sich während des Aufenthalts eher von seiner frostigen Seite zeigte. Es war regnerisch, kalter schneidender Wind blies uns um die Ohren und die lange Unterhose wurde untertags meine geliebte Begleiterin, sowie der dicke Schlafsack bei Nacht mein Bettgenosse. Das einzig wärmende Teil im Zimmer war der Prozessor meines Netbooks, an dem ich kurzzeitig meine klammen Finger wärmen konnte. Scheint doch die falsche Jahreszeit zu sein, um Zentralasien zu besuchen. Die ganze Umgebung erwacht zwar gerade aus dem Winterschlaf, von einem berauschenden Frühling kann aber nicht die Rede sein.

Wie eine Raupe im Kokon eingewickelt gegen die unbarmherzige Kälte
Wie eine Raupe im Kokon eingewickelt gegen die unbarmherzige Kälte

Dafür gibt es hier aber einige der schönsten und wohlproportioniertesten Bauwerke der islamischen Architektur – allen voran der Registan. Im 15. – 17. Jahrhundert unter verschiedenen Herrschern erbaut, dienten diese Gebäude vor allem der Lehre. Nicht nur der Lehre des Korans, sondern auch der der Mathematik, der Astronomie und der Philosophie, die wichtigste Universität der damaligen islamisch-orientalischen Welt. Drei um einen Platz gruppierter Medressen, deren Eingangsportale von mächtigem Mauerwerk umgeben sind und an den Seiten von Minaretten bewacht werden.

Gesamtblick des Registan
Gesamtblick des Registan
Die verfliestenKuppeln und Minarette
Die verfliesten Kuppeln und Minarette
Die Tilla Karim Madrasa
Die Tilya Kori Medresse
Detail der Tilla Karim Madrasa
Detail der Tilya Kori Medresse
Die Sherdor Madrasa mit den Tigern
Die Sher-Dor Medresse mit Tigern und menschlichen Gesichtern - Abbildungen, die im Islam an sich nicht erlaubt sind

Im Inneren reihen sich um einen Hof kleine Zimmerchen, in denen die Azubis ihren Studien nachgehen und die herumziehenden Derwische kleine Päuschen einlegen konnten. An sich ist der Registan nur zu den normalen Behördenöffnungszeiten zugänglich, doch als wir uns des nächtens, vom kalten Zimmer ins Freie getrieben, dort herumschlichen, begegneten wir den Nachtwächter. Der, mit dem schlechten Nachtwächterlohn nicht auskommend, uns anbot, den Tag zur Nacht zu machen. So sollten wir in das unvergleichliche Vergnügen kommen, den Registan bei absoluter Dunkelheit ganz alleine besuchen zu können. Um etwas zu sehen, war es aber dann doch zu dunkel! So kamen wir um sechs in der Früh zum Sonnenaufgang wieder und konnten vom Minarett aus die Umgebung (siehe Video) und die Gebäude des Registan bewundern. Von der kleinen Aufwandsentschädigung für den Nachtwächter war auch er am Ende der kurzen Preisverhandlung angetan, obwohl er eigentlich auf den doppelten Preis bestand.

Die Sher-Dor Medresse illuminiert
Die Sher-Dor Medresse illuminiert
Die Architektur der islamischen Welt
Die Architektur der islamisch-orientalischen Welt
Ausblick vom Minarett
Ausblick vom Ulugbeck-Moschee-Minarett im Morgengrauen
Der geschäftstüchtige Nachtwächter und ich mit Amtskapperl
Der geschäftstüchtige Nachtwächter und ich mit Amtskapperl

Auch gibt es hier einen ausgeprägten Totenkult. Unzählige Mausoleen reihen sich aneinander, eines prächtiger als das andere. Meist für Regenten, deren Frauen und für Noble errichtet, wirken diese wie eine etwas kleinere Version der Gebäude des Registan. Viele von diesen Grabmälern wurden unter der Regentschaft von Timur, den Lahmen errichtet. Dessen Regentschaft zu den ökonomisch besten gezählt werden kann, da der Handel auf der Seidenstraße zu dieser Zeit wieder heftig erblühte. So sind auch diese Gebäude innen wie außen voller Prunk und reichhaltiger Details. Die blau verkachelten Kuppeln strahlen von der Weite wie ein zweiter Himmel in Erdennähe. Das Innere des Go`ri Amir Mausoleums war über und über mit Gold verziert, so blinkend wie die güldenen Vorderzähne der usbekischen Frauen.

Heutzutage glänzt die Grabkammer zwar wieder, doch wurde nach der Zerstörung durch Kriege, Erdbeben und Wetter dieses mit Hilfe der UNESCO nur mehr mit Pappmasché und viel Farbe restauriert. Eine sehr bemerkenswerte Geschichte soll sich auch um diesen Totentempel ranken. Die sterblichen Überreste von Timur, den Lahmen sind hier beerdigt und 1941 wurde der Sarg Timurs von einer russischen Anthropologen-Gruppe geöffnet. An der Unterseite des Sargdeckels war in großen Lettern eingemeißelt: „ Wer dieses, mein Grab öffnet, wird von einem Feind heimgesucht, der weit schrecklicher sein wird als ich es bin“. Seine Herrschaft soll wirklich sehr grausam und voller Unbarmherzigkeit gewesen sein. In einer eroberten Stadt seines riesigen Reiches ließ er zur Abschreckung gleich einmal 2000 Einwohner lebendig begraben und eine seiner Lieblingsbeschäftigungen war das Errichten von riesigen Pyramiden aus lauter Totenschädeln der Getöteten. Einen Tag nach der Graböffnung erklärte Nazi-Deutschland Russland den Krieg. Seltsam, aber so steht es geschrieben …

Das Go'ri Amir Mausoleum
Das Gori Amir Mausoleum
Diese Grabstaette von Innen
Diese Grabstätte von Innen
Die Shaki Zinda Mausoleum-Strasse
Die Shaki Zinda Mausoleen-Straße
ebenso diese Mausoleen-Ansammlung
ebenso diese Mausoleen-Ansammlung

Nicht nur die Menschen der alten Zeiten huldigten den Toten, auch die modernen Gräber in der Nähe der Mausoleen haben bemerkenswerte Grabsteine. Die meisten sind mit den Bildern der Verstorbenen verziert und, wenn man durch die Gräberreihen marschiert, schauen einen links und rechts die Gesichter längst Verstorbener an, doch ein wenig gruselig (siehe Video).

Die Gesichter im Grabstein
Die Gesichter im Grabstein

Diese morbide Stimmung passte auch irgendwie in die Zeit, in der wir uns dort befanden – Jesus Tod und Beerdigung. Um dies noch zu unterstreichen, legten wir Fasttage und einen Schweigetag ein, um vielleicht unsere eigene Auferstehung aus der Kälte und dem Regen Samarkands feiern zu können. Die Tage des Nichtessens und Nichtredens verbrachten wir im zerstörten und unter meterdicken Erdschichten begrabenen alten Samarkand – oder Afrosiob oder Marakanda. Diese Stadt wurde von Alexander den Großen bei seinen Feldzügen Richtung Osten erobert und Jahrhunderte später, nach großartigen Epochen mit Dichtern wie Omar Khayyam, von den Horden Dschingis Khans den Erdboden gleichgemacht. Heute erstrecken sich dort weite grüne Wiesen, auf denen Schafherden Gras fressend ihren Tag verbringen.

Schof
Schof
Die Bibi Xonim Moschee und Mausoleum
Die Bibi Xonim Moschee und Mausoleum von Afrosiob aus

Hier verbrachten wir unsere Fastentage bei den einzigen sonnenreichen Tagen, lagen schweigend in der Sonne und schauten den Schafen beim Fastenbrechen zu. Nach der deftigen Osterjause am Samstagabend begann es aber wieder wie aus Kübeln zu regnen und die Kälte kam mit neuer Härte zurück.

So verbrachten wir wieder mehr Zeit als gewollt im Hotel Bahodir. Die meisten Gäste im Hotel trugen weiße Rauschebärte, waren klein, untersetzt und trugen rote Hosen – erinnerten sehr stark an Papa-Schlumpf! Sie redeten nur von sich selbst, konnten nicht zuhören und waren so autistisch wie ein leergeräumter Zigarettenautomat. Die Reise-Schlümpfe (nicht nur die mit weißem Bart) wollen immer alles gesehen haben, jedes verdammte Kaff von hier bis ins Taka-Tuka-Land vermessen, durchschreiten und „mitnehmen“. Alles gierig in die Kamera einsaugen und überall gewesen sein, egal was es ihnen persönlich bringen mag.

Die Schlümpfe, die unnahbaren und spaßvermeidenden Menschen hier sowie das gar schröcklichen Wetter ließen die Erkenntnis in uns aufkeimen, dass wir deswegen nicht auf Reisen gegangen sind. Wir wollen neben interessanten Orten auch feine Reisebekanntschaften schließen, offene warme Menschen kennen lernen, die Sonne anbeten, Spaß haben, Abfeiern, das Leben genießen und neue Pläne für unsere Zukunft ausloten. Aber uns sicher nicht unnötig quälen mit Reiseplänen, die wir vor einem Jahr in Wien gewälzt haben, welche der Innere-Schlumpf uns eingeflüstert hat. Flexibler sein in unseren Leben, nicht an starren unnötigen Vorgaben festkleben und den Mut haben Dinge, die falsch laufen zu ändern, so möge es sein. Deshalb werden wir den Schlumpf in uns in den Arsch treten und Usbekistan früher verlassen – es hat sich ausgeschlumpft!

Auch werden wir nicht weiter die Seidenstraße entlang frösteln, sondern neue „wärmere“ Gefilde aufsuchen, die unserem Naturell eher entsprechen.
Auch wenn uns König Schahiyar aus Tausendundeiner Nacht für diese Geschichte enthauptet hätte, so und nicht anders wird sie erzählt. Wohin es nun geht? Ihr werdet davon lesen …

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DenkMal
DenkMal

Noch ein paar Fotos zum Abschied aus Zentralasien:

Die rote Frau verkauft köstliche Tierhaxn
Die rote Frau verkauft köstliche Tierhaxn
Es gab zwar nirgends Mistkübel, die Stadt war aber ungemein sauber, dank der Besenverkäuferinnen
Es gab zwar nirgends Mistkübel, die Stadt war aber ungemein sauber, dank der Besenverkäuferinnen
Der Registan mit Einheimischen in Trachtmantel
Der Registan mit Einheimischen in Trachtmantel
Auf Motivsuche in einer Medresse
Auf Motivsuche in einer Medresse
Kind-Grabstein bei Afrosiob
Kind-Grabstein bei Afrosiob

5 Kommentare

  • judith

    na ich bin gespannt von wo der ächste eintrag kommt. im ogligatorischen rundumblick-video hört und spürt man fast den kalten wind.
    habt ihr einen ganzen tag schweigen durchgestanden? kann ich mir fast nicht vorstellen. oder habts euch brieflein geschrieben?
    die grabsteine sind wirklich gruselig aber wir wiener mögen ja morbides aller art, so auch dieses.
    und wegen deiner kappe brauchst dir auch nicht den kopf zerbrechen. wenn du wieder zu hause bist bin ich dein einkaufs-buddy, dann wird dir sowas nicht mehr passieren!
    das allein ist schon ein grund bald nach hause zu kommen! also verkürzet eure reise, euer fanclub ist vor ort immer für euch da:)

    lg
    judith

  • Gerhard

    Hallo ihr beiden.Zurück nach Ägypten oder weiter nach Südostasien,Ich bin schon gespannt woher die nächste Nachricht kommt.Und jetzt mit eigenem Netbook.
    Gruss Gerhard

  • Gerd

    Klingt ja eher nach einer Reise in Euer Inneres als ins Innere Asiens 🙂 ich glaube ihr sprecht einfach nicht die Schlumpfensprache, sonst wärt ihr schon warm geworden mit den Rauschebärten!

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